Digitalisierungsgrad Schweizer KMU 2026: Zahlen zur Lücke
Neue Studien von KOF, FHNW und OBT zeigen: Kleine Schweizer Unternehmen digitalisieren deutlich langsamer als grosse. Ein Benchmark mit konkreten Zahlen.
"Wir sind eigentlich schon ziemlich digital unterwegs." Diesen Satz hört man oft von Inhaberinnen und Geschäftsführern Schweizer KMU – meist ohne dass ihm eine Zahl zugrunde liegt. Es gibt keine Vergleichsgrösse, keinen Massstab, an dem sich der eigene Betrieb einordnen liesse. Das Bauchgefühl sagt "genug", die Realität sieht in vielen Fällen anders aus.
Mehrere Schweizer Quellen liefern diesen Massstab — mit unterschiedlichen Erhebungsjahren und Methoden: die KOF ETH Zürich (Innovations- und Digitalisierungserhebungen), die KMU-Studie 2026 von OBT und der Universität St. Gallen (u. a. mit BFS-Strukturdaten) sowie der DigitalBarometer 2026 von Stiftung Risiko-Dialog, Mobiliar und digitalswitzerland. Zusammen zeichnen sie ein klares Bild: Zwischen kleinen und grossen Schweizer Unternehmen klafft eine Digitalisierungslücke, die sich nicht von selbst schliesst – und die sich mit Zahlen belegen lässt, statt sie zu erahnen.
Dieser Beitrag ordnet ein, wie gross die Lücke tatsächlich ist, warum sie entsteht, und was ein KMU konkret tun kann, um sie zu verkleinern, statt sie zu ignorieren.
Die Zahlen: Wie gross ist die Lücke wirklich?
Die KOF Swiss Economic Institute an der ETH Zürich vergleicht in ihrer Forschung (u. a. Insights Februar 2025 auf Basis der Innovationserhebung, Datenperiode u. a. 2020–2022) kleine und grosse Unternehmen anhand konkreter Technologienutzung. Das Ergebnis ist eindeutig: Big-Data-Anwendungen werden von rund 20 Prozent der kleinen Firmen genutzt, bei grossen Unternehmen sind es etwa 60 Prozent – das Dreifache. Bei künstlicher Intelligenz ist der Abstand gross: Knapp 8 Prozent der kleinen Firmen setzen KI ein, bei grossen Unternehmen liegt die Quote bereits bei mehr als einem Drittel (über 33 Prozent) — nicht bei 20–25 Prozent.
Der oft zitierte Median unter 20 Prozent der abgefragten digitalen Technologien bei Kleinunternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden stammt aus der KOF-Digitalisierungsumfrage 2020 (u. a. dargestellt 2023 in Die Volkswirtschaft). Er ist keine Kennzahl der OBT/HSG-KMU-Studie. Die OBT/HSG-KMU-Studie 2026 (11. Ausgabe) stützt sich unter anderem auf BFS-Strukturstatistiken und beleuchtet die KMU-Wirtschaft aus einem anderen Blickwinkel — sie bestätigt die Grössenabhängigkeit der Digitalisierung, ohne denselben Technologie-Median zu ersetzen.
Digitalisierung ist demnach kein Nischenthema für Vorreiter-Firmen, sondern eng mit der Unternehmensgrösse verknüpft – und die grosse Mehrheit der Schweizer Wirtschaft besteht aus genau jenen kleinen und mittleren Betrieben, für die diese Zahlen gelten. Über 99 Prozent aller Schweizer Unternehmen sind KMU im Sinne der offiziellen Definition (weniger als 250 Vollzeitstellen), die meisten davon sogar Kleinst- oder Kleinunternehmen mit unter 50 Mitarbeitenden.
Auch bei den Investitionen zeigt sich das Muster (KOF, Investitionsperiode 2020–2022): Schweizer Firmen wendeten im Schnitt rund 17 Prozent ihrer gesamten Investitionssumme für Informations- und Kommunikationstechnologie auf – ein Wert, der über alle Unternehmensgrössen gemittelt ist und damit die Spreizung zwischen kleinen und grossen Betrieben eher verschleiert als offenlegt.
Warum die Lücke nicht einfach eine Frage des Budgets ist
Es wäre bequem, die Digitalisierungslücke allein auf fehlendes Geld zurückzuführen. Die Studienlage zeichnet ein differenzierteres Bild.
Es fehlt oft an einer formalen Strategie. FHNW-Erhebungen zur digitalen Transformation zeigen grob: Nur etwa die Hälfte der KMU verfügt über eine formale Digitalstrategie. Detailliertere Aufteilungen (z. B. eigenständige Strategie vs. Teil der Unternehmens- oder IT-Strategie) hängen von Erhebung und Stichprobe ab und sollten nur mit Quellenangabe übernommen werden. Bei den übrigen wird digital investiert, ohne dass eine übergeordnete Richtung definiert ist. Das Resultat: Einzelne Tools werden angeschafft, ohne dass sie ineinandergreifen. Viele befragte KMU sind mit dem eigenen Digitalisierungsfortschritt selbst unzufrieden – ein Hinweis darauf, dass Betriebe das Problem durchaus erkennen, ohne bislang einen strukturierten Weg dagegen gefunden zu haben.
Es fehlt an Vertrauen in die eigene Kompetenz. Der DigitalBarometer 2026, erstmals in Partnerschaft zwischen der Stiftung Risiko-Dialog, der Mobiliar und digitalswitzerland durchgeführt, zeigt: 38 Prozent der Schweizer Bevölkerung verfügen nicht über ausreichende digitale Grundkompetenzen. Nur 53 Prozent fühlen sich im praktischen Umgang mit KI-Tools sicher – trotz einer grundsätzlich positiven Erwartungshaltung gegenüber der Technologie. In einem KMU ohne eigene IT-Abteilung überträgt sich diese Unsicherheit direkt in die Beschaffungsentscheidung: Ein Tool, das niemand im Betrieb wirklich versteht, wird tendenziell nicht angeschafft, selbst wenn es sich rechnen würde.
Vertrauen spielt auch bei der Wahl des Anbieters eine Rolle. Bemerkenswert ist ein weiterer Befund aus dem DigitalBarometer: 83 Prozent der Befragten vertrauen digitalen Diensten stärker, wenn diese "Made in Switzerland" sind. Für KMU, die eigene digitale Angebote entwickeln oder externe Software beschaffen, ist die Herkunft der Lösung damit nicht nur eine Frage der Rechtssicherheit nach Schweizer Datenschutzgesetz, sondern auch ein handfestes Vertrauensargument gegenüber der eigenen Kundschaft.
Zusammengenommen ergibt sich ein Bild, das über reine Budgetfragen hinausgeht: Es geht um Orientierung, um Kompetenzaufbau und um die Übersetzung neuer Technologie in konkrete, verständliche Anwendungsfälle für den eigenen Betrieb.
Was diese Lücke im Alltag konkret bedeutet
Zahlen wie "60 Prozent gegenüber 20 Prozent" bleiben abstrakt, solange sie nicht auf den eigenen Betrieb übersetzt werden. In der Praxis zeigt sich die Digitalisierungslücke meist in denselben wiederkehrenden Mustern:
- Doppelte Datenerfassung. Kundendaten, Bestellungen oder Rechnungsinformationen werden mehrfach von Hand in verschiedene Systeme übertragen, weil diese nicht miteinander verbunden sind.
- Fehlende Auswertbarkeit. Umsatz-, Auslastungs- oder Kundendaten liegen zwar vor, aber verteilt über Excel-Tabellen, E-Mails und Papierablagen – eine schnelle, verlässliche Auswertung ist kaum möglich.
- Manuelle Routineaufgaben. Terminbestätigungen, Rechnungsläufe oder Bestandsmeldungen laufen weiterhin manuell, obwohl sie sich mit überschaubarem Aufwand automatisieren liessen.
- Zögerliche KI-Nutzung. Werkzeuge wie KI-gestützte Texterstellung, Kundenservice-Assistenten oder Datenauswertung werden zwar diskutiert, aber mangels klarem Anwendungsfall nicht eingeführt – während grössere Wettbewerber diese Werkzeuge längst produktiv nutzen.
Keines dieser Muster erfordert eine grundlegende Neuerfindung des Geschäftsmodells. Es sind konkrete, eingrenzbare Probleme – und genau das macht sie lösbar.
Ein typisches Beispiel aus der Praxis: Ein Handwerksbetrieb mit 15 Mitarbeitenden erfasst Arbeitsrapporte auf Papier, überträgt sie am Abend manuell in ein Buchhaltungsprogramm und verschickt Rechnungen erst Wochen nach Auftragsabschluss. Jeder einzelne Schritt für sich ist nachvollziehbar – niemand hat je bewusst entschieden, ineffizient zu arbeiten. In der Summe kostet dieser Ablauf jedoch Wochen an Liquidität und mehrere Stunden Verwaltungsaufwand pro Mitarbeiter und Monat, die an anderer Stelle fehlen. Eine einfache, digitale Rapporterfassung mit automatisierter Rechnungsstellung würde diesen einen Prozess lösen, ohne dass der Betrieb als Ganzes umgekrempelt werden müsste. Genau solche punktuellen, aber wirkungsvollen Eingriffe sind es, die den Unterschied zwischen den in den Studien gemessenen 20 und 60 Prozent Technologienutzung ausmachen – nicht ein einzelnes grosses Digitalisierungsprojekt.
Der praktische Weg aus der Lücke
Der naheliegende, aber meist wenig hilfreiche Reflex ist, möglichst schnell in neue Software zu investieren. Sinnvoller ist ein Vorgehen in drei Schritten:
1. Bestandsaufnahme statt Bauchgefühl. Bevor neue Tools beschafft werden, lohnt sich eine ehrliche Bestandsaufnahme: Welche digitalen Werkzeuge sind bereits im Einsatz, und welcher Anteil ihrer Funktionen wird tatsächlich genutzt? Viele KMU besitzen bereits Software, die weit mehr könnte, als aktuell abgerufen wird.
2. Die zwei oder drei grössten Reibungspunkte identifizieren. Statt alle Prozesse gleichzeitig zu digitalisieren, zahlt es sich aus, die Aufgaben mit dem grössten manuellen Aufwand oder der höchsten Fehleranfälligkeit zu identifizieren. Dort erzielt Digitalisierung den schnellsten und sichtbarsten Nutzen – und schafft intern die Akzeptanz für die nächsten Schritte.
3. Eine Strategie formulieren, die grösser ist als das einzelne Tool. Angesichts der FHNW-Befunde – nur etwa die Hälfte der KMU hat überhaupt eine formale Digitalstrategie – lohnt sich eine kurze, aber verbindliche Richtung: Welche drei bis fünf digitalen Ziele sollen in den nächsten zwei Jahren erreicht werden? Diese Richtung muss nicht umfangreich sein, sie muss vor allem verhindern, dass einzelne Anschaffungen ohne Zusammenhang nebeneinanderstehen.
Der entscheidende Unterschied zwischen Unternehmen, die die Lücke schliessen, und solchen, die sie vergrössern, liegt selten im verfügbaren Budget. Er liegt darin, ob eine externe, unabhängige Einschätzung eingeholt wird, bevor Geld in die falsche Richtung investiert wird.
Eine belastbare Einschätzung des eigenen Digitalisierungsstands – und ein konkreter, priorisierter Fahrplan für die nächsten Schritte – ist genau der Ausgangspunkt der Digitalberatung von Hedinger-Digital. Statt pauschaler Empfehlungen wird der eigene Betrieb anhand der tatsächlichen Prozesse analysiert, werden die wirkungsvollsten Massnahmen identifiziert und die Umsetzung direkt begleitet, von der ersten Analyse bis zur produktiven Lösung. Mehr dazu unter Digitalberatung für KMU oder direkt über das Kontaktformular.


